Vortrag – Die aktuelle Organspendesituation und der Ablauf einer Organtransplantation

Stammtisch am 25.02.2018 im Hotel zur Post, München-Pasing

Vortrag von Frau Dr. Angelika Eder

Die Zahlen, die Angelika Eder auf mehreren Folien präsentierte, sprechen eigentlich für sich. In den letzten Jahren ging es mit der Organspende in Deutschland nur abwärts. Eine medizinische Katastrophe, für die auf den Wartelisten stehenden schwerkranken Patienten. Wenn es streng nach den Kriterien gehen würde, müsste Deutschland aus dem Verbund Eurotransplant hinausgeworfen werden. Die Kennzahl ist hier: Organspender pro 1 Million Einwohner eines Landes. Eurotransplant fordert mindestens 10 Spender um Mitglied werden zu können, 2017 lag Deutschland bei 9,3.

Nur weil wir die größten Zahler sind, dürfen wir drin bleiben.

Hatten wir 2016 bundesweit noch 857 Spender, waren es 2017 nur noch 797.

Die Gründe für diese desolate Situation sind weitgehend bekannt. Es liege nicht an der mangelnden Organspendebereitschaft der Bevölkerung, so Angelika Eder, sondern in erster Linie an den Organisationsstrukturen der Kliniken. Die Pauschalen, die an die Entnahmekrankenhäuser bezahlt werden, seien einfach zu gering. Das Personal, das ja eh schon überlastet sei, ist nicht gerade begeistert, wenn zusätzliche Arbeit, die nun mal eine Organspende mit sich bringt, geleistet werden muss. Wenn in einem Krankenhaus nicht die gesamte Kaskade -von der Klinikleitung bis hin zum Pflegepersonal- von der Organspende und Transplantation überzeugt sind, kommt es auch nicht zur Meldung eines hirntoten Patienten. Natürlich spielt auch die gesetzliche Regelung eine Rolle. Bei uns gilt ja die die sogenannte Entscheidungslösung. In Ländern mit der Widerspruchslösung kommt es zu wesentlich mehr Organspenden und die Wartezeiten für ein neues Organ sind erheblich kürzer. Nebenbei bemerkte Angeilika Eder, dass wir in Bayern letztes Jahr 22 Organspender mehr verzeichnen konnten, relativierte das eigentlich positive Ergebnis aber sofort wieder indem sie auf das niedrige Niveau von 2016 hinwies.

Im zweiten Teil ihres Vortrags erklärte Frau Eder den Ablauf einer Organtransplantation und die Rolle, die die Deutsche Stiftung Organtransplantation dabei spielt.

Die Organisation der Organspende läuft über drei Stationen: das Krankenhaus meldet einen Organspender an die DSO, welche die Koordinierung der Organspende vornimmt. Die Vermittlung selbst übernimmt Eurotransplant in Leiden/Niederlande und die Verpflanzung des Organs geschieht in den Transplantationszentren.

Nach der Meldung an die DSO wird der irreversible Hirnfunktionsausfall (Hirntod) durch zwei voneinander und vom Transplantationsteam unabhängige Fachärzte, die Erfahrung in der Behandlung von schwer hirngeschädigten Patienten haben, festgestellt. Die entsprechenden Untersuchungen haben nach einem Protokoll der Bundesärztekammer zu erfolgen.

Nach Einholung der Einwilligung zur Organspende erfolgt dann die Meldung an Eurotransplant, wo entschieden wird, wer das einzelne Organ erhalten soll. Bei der Verteilung der Organe spielen Parameter wie Wartezeit, Übereinstimmung der Gewebemerkmale, Region, Alter, Antikörperstatus usw. eine Rolle. Die Explantation der Organe übernehmen dann spezielle Teams aus den Empfängerzentren, wo auch schon der ausgesuchte Patient zur OP vorbereitet wird.

Die DSO informiert die Angehörigen eines Spenders über eine erfolgreiche Transplantation, falls die das möchten, wobei dies natürlich ohne Namensnennung der Empfänger geschieht. Außerdem werden regelmäßig Treffen organisiert, bei denen sich die Angehörigen austauschen können.

Wir freuen uns immer sehr, wenn Frau Dr. Eder zu unserem Stammtisch kommt und einen interessanten Vortrag hält. Großes Dankeschön!

 

Blutverdünnung (Antikoagulation) bei chronischer Niereninsuffizienz und Dialyse

Nierenkranke Patienten leiden häufig an Herzrhythmusstörungen wie beispielsweise dem Vorhofflimmern. Um das Risiko eines Schlaganfalls zu senken, ist die Einnahme eines Blutverdünnungsmittels zwingend erforderlich.
Wer könnte uns über diese Thematik wohl besser Auskunft geben als Prof. Dr. med. Matthias Blumenstein, Chefarzt der Nephrologie und ärztlicher Direktor der Klinik Augustinum München?
Prof. Blumenstein hatte auf Anfrage auch sofort zugesagt, uns im Rahmen unseres Stammtisches am 19.03.2017 einen Vortrag  über diese wichtige Problematik zu halten.

20170319_153612-1 (1)Grundsätzlich ist eine Antikoagulation notwendig, und zwar unabhängig davon, ob der Patient nierenkrank ist oder nicht:

– nach einer Herzklappenoperation, falls eine mechanische Klappe eingesetzt wurde
– nach Venenthrombosen mit oder ohne Lungenembolie
– bei hereditären Thrombophilien (vererbte Neigung zu Thrombosen)
– als Embolieprävention bei Vorhofflimmern

20170319_144934Bei jedem vierten Schlaganfall ist ursächlich Vorhofflimmern verantwortlich, so der Referent. Als Embolieprophylaxe wurden bis zur Einführung der sogenannten neuen oralen Antikoagulanzien (NOAK) in erster Linie Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon (Marcumar) verordnet.

Typische Vertreter der neuen Gerinnungshemmer sind  Apixaban, Dabigatran, Rivaroxaban. In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass diese neuen Blutverdünnungsmittel den Vitamin-K-Antagonisten überlegen sind. Vor allem ist die Blutungsgefahr und somit auch das Risiko für tödliche Blutungen geringer. Außerdem sind die häufigen Kontrollen der Gerinnung (Quick, INR) nicht mehr notwendig. Vitamin-K-haltige Lebensmittel wie Spinat, Broccoli oder verschiedene Kohlsorten müssten auch nicht mehr vom Speiseplan verschwinden.

20170319_144614Das Problem ist nur, und hier stecken die Nephrologen in einem Dilemma, dass diese neuen Antikoagulanzien größtenteils über die Nieren ausgeschieden werden. Einer der wichtigsten Parameter zur Beurteilung der Nierenfunktion, ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Die GFR  ist das pro Zeiteinheit von den Glomeruli filtrierte Volumen. Es wird in der Regel in der Einheit ml/min angegeben. Bei einer GFR unter 35 ml/min. empfiehlt Professor Blumenstein Apixaban (Eliquis), da es zu über 60 % von der Leber verstoffwechselt wird. Unter 15 ml/min GFR bleibt der Goldstandard ein Vitam-K-Antagonist.

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine notwendige Blutverdünnung bei Nierenkranken nicht einfach zu handhaben ist und in die Hände von Spezialisten wie Nephrologen oder Internisten gehört. Keinesfalls sollte man als Patient selber etwas an der Medikation ändern.

20170319_160652Großes Dankeschön an Herrn Professor Blumenstein für den interessanten Vortrag und für die Geduld, die zahlreichen Fragen zu beantworten.

Kriterien zur Aufnahme auf die Warteliste für Nierentransplantationen

Vielen nierenkranken Patienten, die bereits auf eine Dialysebehandlung angewiesen sind, ist eigentlich nicht klar, wie sie auf die Warteliste für eine Nierentransplantation kommen. Wie ist der Weg, bin ich überhaupt geeignet, wie lange dauert das Procedere und mit welcher Wartezeit habe ich zu rechnen sind wohl die häufigsten Fragen.

Wer könnte hier wohl besser Auskunft geben als Frau PD Dr. Antje Habicht, nephrologische Oberärztin im Transplantationszentrum der LMU? Wir sind sehr froh und dankbar, dass sie sofort zugesagt hat, einen Vortrag über diese Thematik im Rahmen unseres monatlichen Stammtisches zu halten.

IMG_3573Antje Habicht ging zuerst auf den eklatanten Rückgang der Transplantationen in den letzten Jahren ein, der in erster Linie auf den sogenannten Transplantationsskandal zurückzuführen ist. Potentielle Organspender hatten ihr Vertrauen in die Transplantationsmedizin verloren und die Spendebereitschaft ging erheblich zurück. So gab es in Deutschland im Jahr 2014 nur 10,7 Organspender pro eine Million Einwohner, wobei Bayern mit 9,5 Organspender noch schlechter abschnitt. Zum Vergleich gab es in Spanien 35,1 postmortale Organspender pro eine Million Einwohner, in Kroatien 35 und in Österreich 24,6.

IMG_3579Wenn ein Patient sich transplantieren lassen möchte, bespricht er das am besten mit seinem Dialysearzt oder Nephrologen. Er kann auch direkt einen Beratungstermin in einem Transplantationszentrum vereinbaren.

Das Hauptkriterium für die Aufnahme auf die Warteliste ist natürlich, dass eine terminale Niereninsuffizienz vorliegt. Keine große Rolle spielt das Alter des Patienten, entscheidend ist der individuelle Gesundheitszustand.

Als absolute Kontraindikationen nannte Antje Habicht unkontrollierte Infektionen und Tumorerkrankungen, schwere koronare Herzerkrankung (KHK), schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) sowie eine schwere Lungenerkrankung.

Wenn absehbar ist, dass der Patient nach einer Transplantation die Medikamente nicht nimmt und Nachsorgetermine nicht wahrnimmt, muss er damit rechnen, dass er nicht auf die Liste kommt.

Bei der Vergabe der Organe spielt das HLA-System (Human Leucocyte Antigen) eine wichtige Rolle. Es wird versucht, eine weitgehende Übereinstimmung der HLA-Merkmale zwischen Spender und Empfänger zu erreichen. Problematisch ist es, wenn der Empfänger HLA-Antikörper hat. Solche immunisierten Patienten warten zum Teil wesentlich länger auf das ersehnte Organ. Der PRA-Wert (Panel-reactive-antibody) gibt an, gegen wie viele potentielle Spender sich im Blut des Empfängers Antikörper befinden. Zum Beispiel bedeutet PRA50%, dass (statistisch gesehen) der Empfänger gegen jeden zweiten Spender Antikörper im Blut hat.

Die Vergabe der raren Organe erfolgt über Eurotransplant, wobei grundsätzlich vier Vergabe-Programme zur Verfügung stehen. Am häufigsten wird nach dem ETKAS-Programm ( ET-Kidney-Allocation-System) verteilt. Hier erfolgt die Verteilung nach einem Punktesystem. Beispielsweise werden bei einer vollkommenen Übereinstimmung der HLA-Merkmale zwischen Spender und Empfänger („Full House“) 400 Punkte gutgeschrieben. Die Wartezeit wird mit 33 Punkten pro Jahr berücksichtigt. Wenn das Organ aus der Region stammt, kommen nochmal 200 Punkte dazu.

Das Acceptable-mismatch-program (AM) wird für Wartepatienten eingesetzt, die hochimmunisiert sind und auf normalen Wege keine Chance hätten, ein Organ zu erhalten. Diese Patienten haben Vorrang, falls mal ein Organ angeboten wird, gegen das sie nicht immunisiert sind.

Beim ET-Senior-Programm werden Nieren von Spendern, die älter als 65 Jahre sind, auch auf Empfänger die älter als 65 sind verteilt. Das alleinige Kriterium ist hier die Wartezeit, die HLA Übereinstimmung spielt keine Rolle.

Man kann sich nun vorstellen, dass es durch diese komplizierten Verteilungsregeln keinen definierten Platz auf der Warteliste gibt. Die Reihenfolge der Empfänger wird mit jedem Spender neu berechnet.

IMG_3578Ein großes Dankeschön an Frau Dr. Habicht für diesen interessanten Vortrag. Wie wenig die Betroffenen eigentlich über dieses Thema wissen, konnte man daran ersehen, wieviele Fragen gestellt wurden. Die Referentin stand auch nach dem Vortrag noch geduldig für kurze Einzelgespräche zur Verfügung. Großes Lob dafür! Wir wissen es sehr zu schätzen.

Karl Votz-Siegemund

Aktuelle Entwicklungen in der Nierentransplantation

Zu unserem Stammtisch am 21.02.2016 im Hotel zur Post in München-Pasing hatten wir auch diesmal wieder einen renommierten Experten eingeladen. Über aktuelle Entwicklungen in der Nierentransplantation berichtete. Prof. Dr. Stefan Thorban, Oberarzt und leitender Transplantationschirurg in der Chirurgischen Klinik und Poliklinik im Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München. Er zeigte zum Einstieg eine Folie mit der Gesamtzahl der transplantierten Organe von 1963 – 2014. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum deutschlandweit 120.500 Organe transplantiert, davon 78.100 Nieren.

20160221_161753Die Hauptindikationen für eine Nierentransplantation sind eine zystische Nierenkrankheit, das chronisch nephritische Syndrom, eine chronische Nierenerkrankung, der primär insulinpflichtige Diabetes mellitus (Typ-1-Diabetes) sowie die hypertensive Nierenkrankheit. Derzeit stehen etwa 9000 Patienten auf der aktiven Warteliste für eine Nierentransplantation.

Die Zahl der Organspender ist in den letzten Jahren massiv eingebrochen. Waren es 2007 noch über 1300 Spender, sank die Zahl im Jahre 2014 auf gerade mal 864. Ein Hauptgrund dafür ist sicher, dass ein paar wenige Transplantationsmediziner versuchten einige ihrer Patienten mit gefälschten Fakten in der Warteliste nach oben zu tricksen. Als die Presse dann massiv darüber berichtete, haben viele potentielle Spender ihr Vertrauen in die Transplantationsmedizin verloren. Kein Wunder, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei den Organspenden den letzten Platz mit 10,9 Spendern pro Million Einwohner, einnimmt. Bayern ist sogar innerhalb Deutschlands noch das allerschlechteste Bundesland!!!

Professor Thorban ging dann auf die aktuellen Probleme der Transplantationsmedizin ein, wobei das Hauptproblem sicher der Organmangel ist. Durch die mangelnde Spendebereitschaft stehen relativ wenige Organe zur Verfügung und so versucht man durch erweiterte Kriterien, beispielsweise werden auch Organe von älteren Spendern als transplantabel eingestuft, mehr zu transplantieren.

Bei dem Acceptable-Mismatch-Programm werden Wartepatienten mit präformierten Anti-HLA-Antikörpern bei der Verteilung bevorzugt, da es für sie sehr schwer ist, ein passendes Organ zu finden. Explantierte Nieren, die von fünf Zentren abgelehnt wurden, werden nicht verworfen, sondern es wird versucht, sie als sogenanntes Zentrumsangebot zu vermitteln. Hier muss aber eine schriftliche Einverständniserklärung des Empfängers vorliegen. Erstaunlich dabei ist, dass ein solches Organ nicht zwangsläufig wesentlich schlechter funktioniert. Die Kreatinin-Clearance ist zwar etwas geringer und es gibt etwas mehr Op-Komplikationen wie Blutungen oder Harnleiterprobleme als bei normal verteilten Nieren, die Lebensdauer unterscheidet sich allenfalls kaum.

Durch die Immunsuppression sind Transplantierte einem hohen Risiko für maligne Tumoren ausgesetzt, so Stefan Thorban. Am häufigsten treten Hauttumoren, Lymphome und Kaposi-Sarkome auf. Calcineurininhibitoren und Kortison würden das Tumorrisiko erhöhen, mTOR-Inhibitoren sowie IL-2-Rezeptor Antikörper es eher senken.

Die Organisationen, die mit Transplantation und Organspende befasst sind, arbeiten ständig daran, die Allokation zu verbessern und die Verteilungsgerechtigkeit bei den knappen Organen zu steigern. So möchte Eurotransplant, dass Organe von Spendern der Blutgruppe 0 auch nur Empfängern der Blutgruppe 0 transplantiert werden. Außerdem soll es Bonuspunkte für Lebendspender geben, falls sie selber mal dialysepflichtig werden sollten. Die deutsche Transplantationsgesellschaft fordert die Einführung der Widerspruchslösung, die Prüfung der Option von „nicht herzschlagenden“ (d.h. herztoten) Spendern sowie die Stärkung der Transplantationsbeauftragten.

Die Pharmaforschung arbeitet an neuen Immunsuppressiva wie z.B. Belatacept (LEA 294), Sotrastaurin, Voclosporin, Janus-Kinase 3-Inhibitor um nur einige zu nennen.

In seiner Zusammenfassung zeigt Prof. Thorban mit der letzten Folie vier Punkte:

  • Die passive Warteliste steigt
  • Die Spendebereitschaft in Bayern ist weit unterdurchschnittlich
  • Eurotransplant verbessert Bedingungen für Empfänger und Lebendspender
  • Bessere Nutzung der knappen Organsresourcen durch Acceptable-Missmatch-Programm, Zentrumsangebote und ESP (Eurotransplant-Senior-Programm)

Wir danken Stefan Thorban für den sehr interessanten Vortrag und wissen es wirklich sehr zu schätzen wenn ein viel beschäftigter Transplantationsmediziner seinen freien Sonntagnachmittag „opfert“ um Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe Neues über Nierentransplantationen zu erzählen. Großes Lob für den Referenten.

Karl Votz-Siegemund

Der Shunt – Lebensader für Dialysepatienten

Im Rahmen unseres Stammtisches konnten wir am 25.10.2015 einen renommierten Gefäßchirurgen, Herrn Dr. Andreas Maier-Hasselmann, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie im Klinikum Schwabing, als Referenten gewinnen. Wir hatten auch diesmal unsere Mitglieder persönlich angeschrieben um sie auf diesen Vortrag aufmerksam zu machen. 51 Zuhörer folgten unserem Aufruf, ein beachtlicher Erfolg dieser Initiative von Erich Stienen.

SAM_1408-1Maier-Hasselmann erklärte zuerst die Funktion und den Aufbau der Niere und ging dann kurz auf die Geschichte der Nierenersatztherapie ein. Bereits 1925 hatte der Gießener Internist Georg Haas, eine extrakorporale Dialyse am Menschen erfolgreich durchgeführt. Der Niederländer Willem Kolff, der 1945 die Idee der künstlichen Niere wieder aufgriff, konnte mit diesem Verfahren erstmals eine Patientin mit akutem Nierenversagen retten.

Das Hauptproblem war und ist, wie kommt das Blut in die Maschine und wieder zurück? Dabei soll es zu einer möglichst hohen Flussrate des Blutes kommen und die Gerinnung gehemmt werden.

20151025_162755-1Während die Pioniere der Dialysebehandlung zuerst noch Hirudin, ein gerinnungshemmendes Protein, das aus dem Speichel des medizinischen Blutegels gewonnen wurde, verwandten, setzte man später schon Heparin zur Gerinnungshemmung ein.

Das Gefäßsystem des Menschen besteht aus einem arteriellen und einem venösen Teil. Das Kapillarnetz verbindet beide Teile miteinander. Das ist ein natürlicher Shunt, also eine Kurzschlußverbindung zwischen den beiden Gefäßsystemkomponenten, wobei in einer Arterie ein Druck von etwa 120 mmHg und im Kapillarnetz ein Druck von etwa 8 mmHg herrscht.

Bei der Anlage eines Dialyseshunts schließt man eine Arterie mit einer Vene zusammen. Idealerweise nimmt man die Gefäße am Unterarm, wie die Arteria radialis und die Vena Cephalica. Man möchte in der Vene den gleichen Druck wie in der Arterie haben, damit sich das Gefäß entsprechend ausbilden und dann komplikationslos punktiert werden kann. Die Flussrate sollte bei einem ausgebildeten Shunt etwa 400 – 600 ml pro Minute betragen, so der Referent.

Der Durchbruch in der Behandlung von Dialysepatienten kam mit der Entwicklung der verschiedenen Shuntmöglichkeiten. Der von Belding Scribner und Wayne Quinton 1960 entwickelte Katheter aus Kunststoff ermöglichte einen ersten dauerhaften Gefäßzugang. Die Weiterentwicklung des Shunts durch die amerikanischen Ärzte James Cimino, Kenneth Appell und Michael Brescia, nämlich eine Verlegung der Anostomose bzw. des Shunts unter die Haut, kann man wohl als die Geburtsstunde der modernen Shuntchirurgie betrachten.

Während die amerikanischen Gefäßchirurgen häufig Kunststoffprothesenshunts – sogenannte „Goretex-Shunts“- anlegen, ist man hier in Deutschland damit wesentlich zurückhaltender, meint Maier-Hasselmann. Nur wenn keine andere Möglichkeit mehr besteht, greift man auf dieses Material zurück.

Nach Anlage der Fistel, soll der Patient ein Shunttraining absolvieren. Beispielsweise durch eine Blutdruckmanschette oder ein Stauband wird am Oberarm eine leichte Stauung erzeugt und ein Schaumstoff- oder Gummiball geknetet. Durch solch ein konsequentes Training kann der Shunt bereits nach zwei bis vier Wochen punktiert werden.

Sehr wichtig sei die „Shuntpflege“ so der Gefäßchirurg und zeigte auf einer Folie die folgenden Punkte:

  • Vor der Punktion waschen
  • Desinfektion unter Beachtung der Einwirkzeit des Desinfektionsmittels
  • Bei Prothesenshunts mehrfach desinfizieren
  • Niemals die gleiche Punktionsstelle verwenden sondern die gesamte Shuntlänge punktieren (Strickleitersystem)
  • Möglichst lernen, den Shunt selbst zu punktieren
  • Nicht durchstechen
  • Punktionswinkel zwischen 30 und 45 Grad
  • Bei Fehlpunktion sofort Kompression, bevor sich das Hämatom ausbreitet

Das soll man am oder mit dem Shuntarm vermeiden:

  • Blutdruck messen am Shuntarm
  • Blut abnehmen
  • Größere körperliche Belastung
  • Komprimierende Verbände anlegen
  • Sonnenbrand
  • Grobe Verschmutzungen
  • Kompression des Shunts durch Rucksack oder Handtasche

Zum Schluss seines Vortrags ging der Referent noch auf mögliche Probleme bzw. Komplikationen ein, die ein Dialysepatient mit seinem Shunt haben kann.

Das wichtigste ist die tägliche Shuntbeobachtung, also abhören, tasten und anschauen. Dabei kann man die die häufigsten Probleme selbst erkennen und sofort das Zentrum oder die Klinik aufsuchen. Beispielsweise deutet ein fehlendes Shuntgeräusch (schwirren) schon auf einen Verschluss bzw. Thrombose hin. Rötung, Schwellung und Schmerzen sind eindeutige Entzündungszeichen die sofort behandelt werden müssen. Ein Taubheitsgefühl oder Schmerzen in den Fingern des Shuntarms können Zeichen einer Minderversorgung der Hand sein. Wenn der Shunt zu ausgeprägt ist, kann durch das hohe Shuntvolumen das Herz zusätzlich belastet werden.

Weil dieses Thema für Dialysepatienten so wichtig ist, wurden nach dem Vortrag viele Fragen an Dr. Maier-Hasselmann gestellt, die er alle geduldig beantwortete. Es gibt auch eine Sprechstunde in der Klinik für Gefäßchirurgie in Schwabing, Anmeldung unter der Tel.-Nr. 089-30683458

Wir wissen es sehr zu schätzen, dass ein Chefarzt einen Sonntagnachmittag „opfert“ um Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe etwas über Shuntchirurgie zu erzählen. Herzlichen Dank und großes Lob für den Referenten.

Vortrag – Medizinische Probleme nach einer Nierentransplantation

Der Chefarzt der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen und Klinische Immunologie am Klinikum Harlaching, PD Dr. med. Clemens Cohen, referierte über medizinische Probleme die nach der Transplantation auftreten können.

PD Dr. med. Clemens Cohen, Medizinische Probleme bei der Nierentransplantation

Auf der ersten Folie wurden zwei konträre Patientenmeinungen wiedergegeben:

Das größte Geschenk meines Lebens“ oder „Ich wünschte es wäre nie passiert“.

Als Herr Cohen dann anhand einer Graphik das Risiko nach einer Transplantation zu sterben höher darstellte, als wenn man mit der Dialyse behandelt wird, fühlten sich die Zuhörer bestätigt, die einer Transplantation skeptisch gegenüberstehen. Leider haben sie die Graphik nicht genau angeschaut: das erhöhte Sterberisiko besteht nur etwa drei bis vier Monate nach dem Eingriff, später sinkt das Risiko hochsignifikant.

Wenn die Nierenfunktion nach der Transplantation schlecht ist, gibt es grundsätzlich drei Ansatzpunkte, so Cohen. Die Gründe können „vor“ der Niere liegen, z.B. eine Nierenarterienstenose, „in“ der Niere, beispielsweise eine tubolointerstitielle Abstoßung oder vaskuläre Abstoßung oder „nach“ der Niere, wie eine Lymphocele.

Die möglichen Komplikationen seien vielfältig, könnten aber in den meisten Fällen gut beherrscht werden. In den ersten Wochen nach der Transplantation treten gehäuft im Krankenhaus erworbene Infekte wie Lungenentzündungen, Kathederinfekte oder Harnwegsinfekte auf. Auch chirurgische Komplikationen, z.B. Wundinfekte, sind möglich.

Die Liste mit Infekten, die im ersten Halbjahr auftreten können wird leider noch länger:

Virale Infekte aus der Herpesvirus Familie (Varizellen, Zytomegalie…), Leberentzündungen, Polyomaviren usw.

Als klassisch opportunistische Erreger spielen auch Pilze eine große Rolle.

Die unverzichtbare immunsuppressorische Therapie besteht zunächst aus drei verschiedenen Medikamenten: Calcineurin-Inhibitor (Cyclosporin), einem Antimetaboliten (Mycophenolat) und einem Stereoid (Prednison). Herr Cohen bezog sich hierbei auf ein Therapieschema des Universitätsspitals Zürich, wo er vor seiner Tätigkeit in Harlaching gearbeitet hat.

Die Nebenwirkungen dieser hochwirksamen Medikamente sind beträchtlich. So kommt es unter Cyclosporin häufig zu einem Bluthochdruck und das Cortison ist mitverantwortlich für den Postransplantations-Diabetes, den etwa jeder 10. Nierentransplantierte „erwirbt“. Nicht zuletzt deswegen versucht man das Cortison so schnell wie möglich zu reduzieren bzw. abzusetzen.

Durch einen häufig erhöhten Blutdruck oder eine Erhöhung der Blutfette (Hyperlipidämie) ist das kardiovaskuläre Risiko entsprechend erhöht. Abhilfe schaffen können hier blutdrucksenkende Medikamente bzw. Lipidsenker.

Bei seinen Ausführungen legte Clemens Cohen sehr viel Wert auf das Thema Krebsprävention.

Ein jährliches Screening durch Hautarzt, Gynäkologen und Urologen sei obligatorisch.

Hautläsionen sollten „aggressiv“ angegangen werden. Am besten sei man hier in Spezialambulanzen aufgehoben. Ein Dermatologe, der normalerweise keine immunsupprimierten Patienten behandle, könne manchmal Hauterscheinungen nicht richtig zuordnen.

Unser großes Dankeschön an Herrn Dr. Cohen für den sehr interessanten Vortrag und für seine Engelsgeduld, die anschließenden Fragen zu beantworten.

Wir wissen es sehr zu schätzen, wenn ein renommierter Spezialist für Nierenerkrankungen zu einer Selbsthilfegruppe kommt und noch dazu am ersten sonnigen Tag des Jahres!

Vortrag: „Immunsuppressiva, Nebenwirkungen im Verlauf“

Vortrag im Rahmen unseres Stammtisches am 14.10.2012:

Immunsuppressiva, Nebenwirkungen im Verlauf“

Referent: Prof. Dr. med. Lutz Renders, Transplantationsexperte vom Krankenhaus rechts der Isar, München

Immunsuppressiva, Nebenwirkungen im Verlauf – Referent: Prof. Dr. med. Lutz Renders, Transplantationsexperte vom Krankenhaus rechts der Isar, München

Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten (Unser Vereins-Laptop konnte leider mit dem Dateityp von Prof. Renders nichts anfangen, wir waren sehr froh, dass Michael Göbl, unser IT-Experte anwesend war und das Problem behob!) begann Herr Renders mit seinem interessanten Vortrag über die Nebenwirkungen der Immunsuppression.

Da das Krankenhaus rechts der Isar momentan im Focus des „Vergabeskandals“ von transplantierten Lebern steht, ging er kurz auf die Situation ein und meinte nur: „Das was in der Presse steht, stimmt nur zu etwa 50%“. Außerdem müsse jeder Einzelfall genau untersucht werden. Er selber sei für die Nierentransplantationen zuständig und habe mit Lebern nichts zu tun.

Die Qualität der Organe sei in den letzten Jahren schlechter geworden, so Herr Renders. Dies hängt zusammen mit dem wesentlich höherem Alter der Spender, die natürlich häufig auch Vorerkrankungen hatten. Früher hätte man solche „marginalen“ Organe nicht transplantiert, während man heute froh sei, auch mit diesen Organen Patienten helfen zu können.

Durch das Old-for-Old-Programm oder ESP (Eurotransplant-Senior-Programm) würden rein statistisch auch die durchschnittlichen Überlebenszeiten der Organe kürzer, da ältere Organe nun mal nicht solange funktionieren.

Auch mit einer neuen Niere, sei man nicht gesund, eine lebenslange Nachsorge mit entsprechender Blutdrucküberwachung und -einstellung ist zwingend erforderlich, um das Organ möglichst lange zu erhalten. Durch die Kombination verschiedener Immunsuppressiva überleben heute 97% der transplantierten Nieren das erste Jahr. Hier könne man vermutlich nichts mehr verbessern.

Betrachtet man die Überlebenszeit von nierenkranken Patienten, so ist die Transplantation als Therapieform der Dialyse eindeutig überlegen. Herr Renders zeigt dies anhand von zwei Graphiken.

In der Einzelfallprüfung müsse aber genau abgewogen werden, mit welcher Therapie der jeweilige Patient am meisten profitiert. Dies könne bei dem ein oder anderen durchaus die Dialyse sein.

Immunsuppressiva, Nebenwirkungen im Verlauf – Referent: Prof. Dr. med. Lutz Renders, Transplantationsexperte vom Krankenhaus rechts der Isar, München

Die Hauptnebenwirkungen der Immunsuppressiva sind eine erhöhte Infektanfälligkeit sowie ein höheres Risiko, an einem bösartigem Tumor zu erkranken. Üblicherweise gebe man nach der Transplantation eine Dreierkombination von Immunsuppressiva, wobei meist die Steroide (Cortison) nach etwa drei bis sechs Monaten reduziert bzw. abgesetzt werden könnten.

Um das Risiko eines neu auftretenden Diabetes zu vermindern, würde man bei entsprechender Familienanamnese, z.B. kein Prograf verordnen, sondern ein anderes Medikament geben. Die Immunsuppression kann also individuell abgestimmt werden. Zwei schweren Krankheitsbildern, die nach einer Transplantation auftreten können (CMV-Infektion verursacht durch das Cytomegalievirus und der Pneumocystis jirovecii, eine Form der Lungenentzündung) kann man mit einer prophylaktischen Therapie begegnen und so evtl. den Ausbruch verhindern oder abschwächen.

Interessant war noch, dass es bei den Lipidsenkern sehr wohl Unterschiede gibt und bei nierentransplantierten Patienten Simvastatin (Zocor) eher ungünstig ist und Pravastatin bevorzugt verordnet werden sollte. Simvastatin hätte, so Renders, ein höheres Interaktionspotential mit anderen Medikamenten, beispielsweise mit bestimmten Antibiotika.

Welche „Botschaften“ können wir mit nach Hause nehmen (take home Messages):

-auch mit einer transplantierten Niere ist man nicht gesund

-Transplantation ist ohne Medikamente nicht möglich

-viele Nebenwirkungen sind bekannt und können z.T. auch behandelt werden

-nicht alle Alternativen der Immunsuppression sind für jeden Patienten geeignet

-Nachsorge ist von größter Bedeutung für das Überleben des Transplantats und der Patienten

Immunsuppressiva, Nebenwirkungen im Verlauf – Referent: Prof. Dr. med. Lutz Renders, Transplantationsexperte vom Krankenhaus rechts der Isar, München

Wir danken Herrn Professor Renders sehr für seinen engagierten Vortrag. Wir wissen es zu schätzen, wenn ein vielbeschäftigter Arzt einen Sonntagnachmittag „opfert“, um Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe Nebenwirkungen von Medikamenten zu erklären.