Artikel Münchner Merkur von Dienstag, 24.April 2007 - Titelseite

Plan für mehr Organspenden

Berlin - Die Zahl der Organspenden in Deutschland soll auf gesetzlichem Wege erhöht werden. Der Nationale Ethikrat schlug in Berlin vor, dass Mediziner Verstorbenen im Zweifelsfall immer Organe entnehmen dürfen, um Schwerstkranke zu retten - es sei denn, der Spender oder seine Angehörigen würden dies ausdrücklich ablehnen.

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Presse-Mitteilung

„Organspende schenkt Leben“

Ausstellung im Klinikum der Universität München, Großhadern vom 5. bis 16. Februar 2007

 

München, den 30. Januar 2007 - Auf dem Gebiet der Organtransplantation sind in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt worden. Das betrifft nicht nur die Operationstechniken, sondern auch die medikamentöse Therapie nach der Operation. Im Klinikum der Universität München, einem führenden Transplantationszentrum im süddeutschen Raum, werden jährlich mehrere hundert Transplantationen vorgenommen. Dazu zählen Einzeltransplantationen von Herz, Niere, Lunge, Pankreas oder Leber sowie Doppeltransplantationen von Herz-Lunge und Herz-Niere.

Die Organspende genießt in der Gesellschaft eine hohe Akzeptanz. Im Gegensatz dazu steht jedoch die Zurückhaltung in der Bevölkerung, Organe zu spenden. Aktuell stehen in Deutschland etwa 12.000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste, aber nur 3.900 Patienten konnte durch eine Transplantation geholfen werden. Eine Möglichkeit, die Organknappheit zu mildern, ist die so genannte Lebendspende, für die vor allem Nieren und Segmente der Leber in Frage kommen. Die Ergebnisse, besonders bei Nieren, sind sehr gut und können die aktuelle Mangelsituation etwas entschärfen. Trotzdem bleibt das Mißverhältnis von Organspendezahlen und der Zahl der Patienten auf den Wartelisten gravierend.

Die Regionalgruppe München der Interessengemeinschaft Dialysepatienten und Nierentransplantierte in Bayern e.V. möchte auf diese Problematik aufmerksam machen. Mit der Ausstellung „Organspende schenkt Leben“, die in der Besucherstraße des Klinikums in Großhadern in der Zeit vom 5. bis 16 Februar 2007 zu sehen ist, soll die Öffentlichkeit über die Erfolge und die Hintergründe der Organspende informiert werden. Besonders beeindruckend ist eine Informationswand, die anhand dreier unterschiedlicher Krankheitsverläufe die Notwendigkeit einer Transplantation zeigt.

Am 5. Februar um 13.30 Uhr werden Professor Dr. Karl-Walter Jauch, Direktor der Chirurgischen Klinik, Dr. Günther F. Hillebrand vom Transplantationszentrum Großhadern sowie ein Vertreter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Ausstellung eröffnen. Geplant ist, dass die Informationstafeln anschließend in verschiedenen bayerischen Städten der Öffentlichkeit präsentiert werden.

 

Ansprechpartner:

Eckard Bourquain, , Tel. 7593457 oder Email U.E.Bourquain@t-online.de

Dr. Karl Votz-Siegemund, Tel. 8929347 oder Email Karl.Votz-Siegemund@t-online.de

beide IG Dialysepatienten und Nierentransplantierte in Bayern e. V.

Klinikum der Universität München

Im Klinikum der Universität München (LMU) werden an den Standorten Großhadern und Innenstadt jährlich rund 83.000 Patienten stationär und 371.000 Patienten ambulant behandelt. Die 44 Fachkliniken, Institute und Abteilungen verfügen über 2.400 Betten. Von insgesamt 9000 Beschäftigten sind rund 1800 Mediziner. Forschung und Lehre ermöglichen eine Patientenversorgung auf höchstem medizinischem Niveau. Das Klinikum der Universität München zählt zu den größten Gesundheitseinrichtungen in Deutschland und hat im Jahr 2005 mehr als 55 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben. Das Klinikum der Universität München ist seit Juni 2006 Anstalt des öffentlichen Rechts.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.klinikum.uni-muenchen.de

Philipp Kreßirer

Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Klinikum der Universität München

Frauenlobstr. 9-11

80337 München

Tel: 089 / 5160-8070

Fax: 089 / 5160-8072

 

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Artikel des Münchner Merkur von Montag, 8.Januar 2007 – Titelseite

Organspenden:

Neues Gesetz soll Leben retten

Vorbild Österreich für Deutschland?

In Deutschland herrscht ein dramatischer Mangel an Spenderorganen. Zehn Jahre nach Einführung des Transplantationsgesetzes haben Experten eine vernichtende Bilanz gezogen: Die Kluft zwischen notwendigen und durchgeführten Transplantationen werde immer größer. Täglich sterben drei Menschen, die auf einer Warteliste für Spenderorgane stehen, weil Deutschland im Europavergleich bei der Organspende an fünftletzter Stelle liege. Mediziner und Politiker fordern nun eine kritische Prüfung des Gesetzes.

Gegenüber unserer Zeitung forderte der Peißenberger CSU-Bundestagsabgeordnete Alexender Dobrindt (36, verheiratet), die aktuelle „Zustimmungsregelung“ in eine Widerspruchsregelung umzuwandeln. „Wir müssen uns schnellstmöglich dieser Debatte stellen.“ In Ländern wie Spanien, Belgien und Österreich, europaweit Spitzenreiter in punkto Organspende, gelten dem Gesetz nach alle Bürger als Organspender – sofern sie dem nicht explizit widersprechen. In Deutschland hingegen ist die Zustimmung des Verstorbenen zu Lebzeiten oder der Angehörigen nach seinem Tod erforderlich.

„Die Bilanz dieser Regelung ist verheerend“, urteilt Dobrindt. Nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung besitzt einen Organspenderausweis. Statistiken belegen, dass die Nachfrage nach Organen wie Niere, Herz oder Leber drei- bis viermal so hoch ist wie das Angebot. Die Wartezeiten belaufen sich auf durchschnittlich sieben Jahre.

„Täglich sterben drei Menschen auf der Warteliste“, so Günter Kirste von der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“. Vor allem Patienten, die auf Herz-, Lungen- und Lebertranspantate angewiesen sind, hätten wenige Wochen Lebenzeit. (siehe auch Kommentar)

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Kommentar des Münchner Merkur vom Montag, 8.Januar 2007 – Seite 2

KRITIK AN TRANSPLANTATIONSGESETZ

Hilfe – aber nur in der Theorie

Mühsam wurde vor zehn Jahren das Transplantationsgesetz ausgehandelt. Im Vordergrund stand das Selbtbestimmungsrecht – und Politiker aller Couleur waren der Überzeugung, dass sich jeder (von wenigen Ausnahmen abgesehen) konsequent damit auseinandersetzen würde, was nach seinem Tod mit seinen Organen passieren soll. Die Realität sieht anders aus. Organspender sind in Deutschland rar gesät. Deshalb besteht dringender Handlungsbedarf.

Tatsache ist, dass nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung über einen Organspenderausweis verfügen – selbst wenn die breite Masse bereit ist, im Todesfall einer Organentnahme zuzustimmen. Das belegen Statistiken. Nur: Was nützt diese Bereitschaft, wenn sie nicht schriftlich fixiert ist? Und was nützt diese Bereitschaft, wenn die Angehörigen am Totenbett zögern, einer Organentnahme zuzustimmen? Weil sie nicht wissen, was der geliebte Mensch getan hätte – oder sich nicht trauen, ihm ein Organ entnehmen zu lassen?

Diese Bereitschaft nützt nichts. Sie trägt lediglich dazu bei, dass in Deutschland viel zu wenige Transplantationsorgane zur Verfügung stehen, dass dadurch die Wartezeiten der Menschen, die auf eine neue Niere, ein Herz oder eine Leber angewiesen sind, ins Unermessliche steigen. Und dass einige dieses Ausharren mit dem Tod bezahlen, weil das lebensnotwendige Organ fehlt.

Kritiker fordern, das Gesetz umzuwandeln: Jeder soll automatisch Organspender sein – außer er widerspricht. Die meisten Bürger sind für die Organspende, aber zu träge, es schriftlich festzulegen. Könnte der Gesetzgeber diesen Menschen diese Aufgabe nicht abnehmen – und dadurch Leben retten?

Kommentar von Barbara Nazarewska

 

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Artikel des Münchner Merkur von Montag, 8.Januar 2007 – Seite 3

Warten auf ein neues Leben

Weil Spenderorgane fehlen, sterben täglich drei Patienten

von Barbara Nazarewska

Christian Mittag hatte Glück: Weil er nicht nur eine neue Niere, sondern sogar noch eine neue Bauchspeicheldrüse brauchte. Auf seine Spenderorgane musste der „Ex-Diabetiker“ rund ein Jahr warten - „Rekordzeit“, sagt er manchmal ironisch. Dem Gesetz nach fiel Mittag in die Kategorie „Doppeltransplantation“; beschleunigtes Verfahren garantiert. “Hätte bei mir lediglich ein Organ versagt, dann wäre ich fünf, sechs Jahre länger an der Dialyse gehangen“, mutmaßt der 35-jährige Buchbinder aus Anzing (Kreis Ebersberg) in Anspielung auf das deutsche Transplantationsgesetz.

Denn zehn Jahre nach seiner Einführung herrscht ein riesiger Mangel an Spenderorganen hierzulande. Das belegen aktuelle Statistiken. Allein 2005 warteten bundesweit rund 12.000 Betroffene auf eine neue Niere, Leber oder ein neues Herz. „Täglich sterben drei Menschen auf der Warteliste“, warnt Günter Kirste vom Vorstand der „Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Nach Expertenangaben beträgt die Wartezeit durchschnittlich sieben Jahre, denn die „Nachfrage“ ist etwa drei- bis viermal so hoch wie das Angebot.

Diese Kluft, prognostizieren immer mehr Mediziner, werde mit der Zeit größer. Vor allem der Bedarf an Spendernieren dürfte steigen – das Organ wird schon heute am häufigsten transplantiert -, weil zunehmend viele Menschen unter Diabetes litten.

Auch Mittags „altes Leben“ bestimmten Insulinspritzen und Blutzuckerwerte. Das ist heute knapp zwei Jahre her. Doch der 35-Jährige weiß noch genau, wie anstrengend allein „die letzte Etappe“ war: Dreimal pro Woche musste er zur „Blutwäsche“, rund 4,5 Stunden dauerte die Prozedur jedes Mal. Stets sah Mittag, wie das Blut durch einen Schlauch aus der Arterie im Hals seinen Körper verließ, wie es im Dialysegerät künstlich gereinigt wurde und wie es dann „sauber“ zurück floss. „Wer an der Dialyse hängt, für den gibt es kein Zurück mehr“, hatte ihm sein Arzt mitgeteilt – außer er bekommt eine neue Niere.

Mittags „neues Leben“ begann am 2. April 2005. Knapp sieben Stunden dauerte die Operation im Münchner Klinikum Rechts der Isar. Wer der Spender war, hat er nie erfahren. Nach der Operation war Mittag kein Diabetiker mehr. Bis heute akzeptiert sein Körper die beiden Fremdorgane. „Man befürchtet immer, dass der Körper 'nein' sagt – und dann geht wieder alles von vorn los“, erzählt der 35-Jährige.

Mittags Körper sagte zwar „ja“, doch potentielle Arbeitgeber gaben dem „Doppeltransplantierten“, wie er sich selbst nennt, keine Chance. Nachdem er offizell für arbeitsfähig erklärt wurde, wollte er „um jeden Preis einen Job“. Er schrieb rund 100 Bewerbungen – und bekam nur Absagen. Er wandte sich an die Medien; im Lokalteil der Ebersberger Zeitung erschien sein Hilferuf. Niemand meldete sich bei ihm, „der mir einen Job als Buchbinder oder etwas Ähnliches angeboten hätte“.

Nach der x-ten Absage beschloss Mittag, eine Bewerbung zu schreiben, in der er ausnahmsweise nicht im Lebenslauf seine Transplantation erwähnte.“Es war eine Art Test“. Wenige Tage später wurde er zum Vorstellungsgespräch eingeladen – und bekam den Job. Sein Arbeitgeber weiß bis heute nichts von der neuen Niere und der neuen Bauchspeicheldrüse. „Dafür hat er jetzt gesehen, dass ich genauso arbeiten kann wie jeder andere Buchbinder auch. Wir Transplantierte sind doch nicht krank, sondern repariert.“

Mittag kennt viele Menschen, die seit Jahren auf diese „Reparatur“ warten, die täglich auf eine gesunde Niere hoffen, weil die Dialyse ihren Körper massiv schwächt, und sie dann weder im Job, noch im Privatleben funktionieren. Wenn Mittag etwas tun könnte, würde er jeden einzelnen Politiker bitten, das Gesetz so zu verändern, „wie es die Österreicher machen“. Dort werden per Gesetz alle Menschen zu Organspendern erklärt – es sei denn, sie sind expliziert dagegen. In Deutschland ist indes die explizierte Zustimmung des Verstorbenen zu Lebzeiten oder der Angehörigen nach seinem Tod erforderlich. „Es geht nicht um Willkür“, sagt Mittag nachdenklich: „Es geht darum, dass Tote Leben retten können.

 

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