Der Shunt – Lebensader für Dialysepatienten

Im Rahmen unseres Stammtisches konnten wir am 25.10.2015 einen renommierten Gefäßchirurgen, Herrn Dr. Andreas Maier-Hasselmann, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie im Klinikum Schwabing, als Referenten gewinnen. Wir hatten auch diesmal unsere Mitglieder persönlich angeschrieben um sie auf diesen Vortrag aufmerksam zu machen. 51 Zuhörer folgten unserem Aufruf, ein beachtlicher Erfolg dieser Initiative von Erich Stienen.

SAM_1408-1Maier-Hasselmann erklärte zuerst die Funktion und den Aufbau der Niere und ging dann kurz auf die Geschichte der Nierenersatztherapie ein. Bereits 1925 hatte der Gießener Internist Georg Haas, eine extrakorporale Dialyse am Menschen erfolgreich durchgeführt. Der Niederländer Willem Kolff, der 1945 die Idee der künstlichen Niere wieder aufgriff, konnte mit diesem Verfahren erstmals eine Patientin mit akutem Nierenversagen retten.

Das Hauptproblem war und ist, wie kommt das Blut in die Maschine und wieder zurück? Dabei soll es zu einer möglichst hohen Flussrate des Blutes kommen und die Gerinnung gehemmt werden.

20151025_162755-1Während die Pioniere der Dialysebehandlung zuerst noch Hirudin, ein gerinnungshemmendes Protein, das aus dem Speichel des medizinischen Blutegels gewonnen wurde, verwandten, setzte man später schon Heparin zur Gerinnungshemmung ein.

Das Gefäßsystem des Menschen besteht aus einem arteriellen und einem venösen Teil. Das Kapillarnetz verbindet beide Teile miteinander. Das ist ein natürlicher Shunt, also eine Kurzschlußverbindung zwischen den beiden Gefäßsystemkomponenten, wobei in einer Arterie ein Druck von etwa 120 mmHg und im Kapillarnetz ein Druck von etwa 8 mmHg herrscht.

Bei der Anlage eines Dialyseshunts schließt man eine Arterie mit einer Vene zusammen. Idealerweise nimmt man die Gefäße am Unterarm, wie die Arteria radialis und die Vena Cephalica. Man möchte in der Vene den gleichen Druck wie in der Arterie haben, damit sich das Gefäß entsprechend ausbilden und dann komplikationslos punktiert werden kann. Die Flussrate sollte bei einem ausgebildeten Shunt etwa 400 – 600 ml pro Minute betragen, so der Referent.

Der Durchbruch in der Behandlung von Dialysepatienten kam mit der Entwicklung der verschiedenen Shuntmöglichkeiten. Der von Belding Scribner und Wayne Quinton 1960 entwickelte Katheter aus Kunststoff ermöglichte einen ersten dauerhaften Gefäßzugang. Die Weiterentwicklung des Shunts durch die amerikanischen Ärzte James Cimino, Kenneth Appell und Michael Brescia, nämlich eine Verlegung der Anostomose bzw. des Shunts unter die Haut, kann man wohl als die Geburtsstunde der modernen Shuntchirurgie betrachten.

Während die amerikanischen Gefäßchirurgen häufig Kunststoffprothesenshunts – sogenannte „Goretex-Shunts“- anlegen, ist man hier in Deutschland damit wesentlich zurückhaltender, meint Maier-Hasselmann. Nur wenn keine andere Möglichkeit mehr besteht, greift man auf dieses Material zurück.

Nach Anlage der Fistel, soll der Patient ein Shunttraining absolvieren. Beispielsweise durch eine Blutdruckmanschette oder ein Stauband wird am Oberarm eine leichte Stauung erzeugt und ein Schaumstoff- oder Gummiball geknetet. Durch solch ein konsequentes Training kann der Shunt bereits nach zwei bis vier Wochen punktiert werden.

Sehr wichtig sei die „Shuntpflege“ so der Gefäßchirurg und zeigte auf einer Folie die folgenden Punkte:

  • Vor der Punktion waschen
  • Desinfektion unter Beachtung der Einwirkzeit des Desinfektionsmittels
  • Bei Prothesenshunts mehrfach desinfizieren
  • Niemals die gleiche Punktionsstelle verwenden sondern die gesamte Shuntlänge punktieren (Strickleitersystem)
  • Möglichst lernen, den Shunt selbst zu punktieren
  • Nicht durchstechen
  • Punktionswinkel zwischen 30 und 45 Grad
  • Bei Fehlpunktion sofort Kompression, bevor sich das Hämatom ausbreitet

Das soll man am oder mit dem Shuntarm vermeiden:

  • Blutdruck messen am Shuntarm
  • Blut abnehmen
  • Größere körperliche Belastung
  • Komprimierende Verbände anlegen
  • Sonnenbrand
  • Grobe Verschmutzungen
  • Kompression des Shunts durch Rucksack oder Handtasche

Zum Schluss seines Vortrags ging der Referent noch auf mögliche Probleme bzw. Komplikationen ein, die ein Dialysepatient mit seinem Shunt haben kann.

Das wichtigste ist die tägliche Shuntbeobachtung, also abhören, tasten und anschauen. Dabei kann man die die häufigsten Probleme selbst erkennen und sofort das Zentrum oder die Klinik aufsuchen. Beispielsweise deutet ein fehlendes Shuntgeräusch (schwirren) schon auf einen Verschluss bzw. Thrombose hin. Rötung, Schwellung und Schmerzen sind eindeutige Entzündungszeichen die sofort behandelt werden müssen. Ein Taubheitsgefühl oder Schmerzen in den Fingern des Shuntarms können Zeichen einer Minderversorgung der Hand sein. Wenn der Shunt zu ausgeprägt ist, kann durch das hohe Shuntvolumen das Herz zusätzlich belastet werden.

Weil dieses Thema für Dialysepatienten so wichtig ist, wurden nach dem Vortrag viele Fragen an Dr. Maier-Hasselmann gestellt, die er alle geduldig beantwortete. Es gibt auch eine Sprechstunde in der Klinik für Gefäßchirurgie in Schwabing, Anmeldung unter der Tel.-Nr. 089-30683458

Wir wissen es sehr zu schätzen, dass ein Chefarzt einen Sonntagnachmittag „opfert“ um Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe etwas über Shuntchirurgie zu erzählen. Herzlichen Dank und großes Lob für den Referenten.

Fotos von Sommerfest-Grillfeier 26.07.2015

Veröffentlicht unter Feste

„München Dankt“ – Auszeichnung der Landeshauptstadt München für Brigitte Seemüller

Im Rahmen des Selbsthilfetages 2015 am 27.06.2015 am Marienplatz verlieh Gitte Halbeck vom Sozialreferat acht Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfegruppen die Urkunde „München Dankt“. Unter den Geehrten war auch Brigitte Seemüller, die Leiterin der Regionalgruppe München und Umland vom Landesverband Niere Bayern e.V..

ehrung3Diese Auszeichnung wird für besondere Verdienste im Rahmen des Bürgerschaftlichen Engagements verliehen und wird an Bürgerinnen und Bürger vergeben, die sich in herausragender Weise ehrenamtlich für die Münchner Stadtgesellschaft und für soziale Belange einsetzen.

ehrung1Brigitte Seemüller, die unsere Regionalgruppe nun seit fast 20 Jahren führt, und sich stark für die Belange von Nierenkranken und deren Angehörigen einsetzt, hat diese Ehrung wirklich verdient.

ehrung2Herzliche Gratulation an Frau Seemüller und ein großes Dankeschön für die geleistete ehrenamtliche Arbeit.

Vorstellung der Patientenbegleiterin für München

Im Oktober 2014 hat Annette Bauer die Ausbildung als PatientenBegleiter erfolgreich abgeschlossen. Sie steht seither den Patienten im Raum München als Ansprechpartnerin Verfügung.

PatientenBegleiter Logo

Kontaktdaten von Frau Bauer:

Telefon: 089 – 43588615

Email: annettebauer089@web.de

PatientenBegleiter sind selbst chronisch Nierenkranke oder deren Angehörige und haben eine mehrteilige Ausbildung durchlaufen, die vom Selbsthilfe Netzwerk Bundesverband NIere angeboten wird.

PatientenBegleiter stehen gerne für folgende Fragen zur Verfügung:

  • zur Teilnahme am Leben und Fragen zur Arbeit, Rente, Schwerbehinderung
  • zur neuen Lebesgestaltung in Partnerschaft, Familie, Freundeskreis und Beziehungen
  • zur Auseinandersetzung mit der Behandlung Ihres Nierenversagens
  • zur Beteiligung am Selbsthilfe Netzwerk durch Mitgliedschaft
  • zur Suche nach einem guten Gesprächspartners für Ihre neuen Lebenslagen

Frau Annette Bauer freut sich über alle Anfragen die Sie an sie richten.

 

Ausflug zum Königsee am 03.Mai 2015

Organspendelauf am 29.04.2015 „Lauf gegen die Zeit“

Anlässlich des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie fand am 29.04.2015 im Hofgarten ein „Organspendelauf“ statt. Diese Veranstaltung sollte auf die missliche Organspendesituation in Deutschland aufmerksam machen. 11000 Patienten stehen auf der Warteliste für ein lebensrettendes Organ, die Bereitschaft der Bevölkerung Organe nach dem Tod zu spenden, sinkt aber immer weiter ab. Nach Aussage des Veranstalters hatten sich über 350 Läuferinnen und Läufer für diesen Lauf angemeldet. Aufgrund behördlicher Auflagen konnten aber nur 250 Teilnehmer berücksichtigt werden. Die Laufstrecke betrug ca. 4,8 km, die Strecke konnte einmal oder zweimal durchlaufen werden. Im Mittelpunkt sollte nicht das Tempo oder der Wettkampf stehen sondern das gemeinsame Laufen für eine gute Sache. Natürlich entwickelten einige Teilnehmer auch sportlichen Ehrgeiz und versuchten manchmal noch auf den letzten Metern, die Konkurrenten abzuhängen.

Da im Rahmen dieser Veranstaltung auch Werbung für Organspende gemacht werden sollte, waren Vertreter von der Selbsthilfegruppe „Niere-Bayern e.V., Regionalgruppe München“ vertreten, die Spenderausweise und Infomaterial verteilten. Dankenswerterweise hatte die DSO, vertreten durch Angelika Eder und Thomas Breidenbach, einen kleinen Infostand vor Ort geliefert. Die Nachfrage bzw. das Interesse war jedoch überschaubar.

Fazit und Kommentar:

Laut Vorankündigung des Veranstalters muss der Rückgang der Organspenden gestoppt werden. Absolut richtig! Mit solchen Events ist das aber scheinbar nicht zu schaffen. Außer Spesen nichts gewesen! Weder die Bevölkerung noch die Medien haben davon Notiz genommen. Es war zwar ein Fernsehteam von Medizin-TV kurz vor Ort, wann und wo da aber vielleicht ein 20-Sekunden-Trailer gesendet wird, war bis jetzt nicht rauszubekommen. Übrigens genau die gleiche Situation wie vor zwei Jahren bei diesem Lauf: keine Resonanz!

Gut gemeint, aber ein Lauf ins Leere!

Karl Votz-Siegemund

Persönlicher Bericht zur Diskussionsveranstaltung am 17.04.2015 im Glasspitz in den Münchner Kammerspielen

Wann ist der Mensch tot?“ Die Debatte um Hirntod und Organspende

Zu dieser Veranstaltung hatten der Bürger- und Patientenverband „Gesundheit Aktiv, anthroposophische Heilkunst e.V.“ sowie der „Gesundheitsladen München e.V.“ eingeladen. Dank Internet kann man sich als Besucher ja schon mal entsprechende Infos über die einladenden Organisationen bzw. Vereine und auch über die Vortragenden Dott. Paolo Bavastro und Prof. Dr. med. Josef Briegel vom Klinikum Großhadern einholen. Für Paolo Bavastro, Internist und Kardiologe, Vertreter der anthroposophischen Medizin ist der Hirntod nicht der Tod des Menschen. Als „Freund“ der Transplantationsmedizin kann man ihn also nicht bezeichnen. Josef Briegel ist Intensivmediziner und Anästhesist sowie der Transplantationsbeauftragte im Klinikum Großhadern.

Dank einer bekannten Suchmaschine, habe ich rausbekommen, dass „Gesundheit Aktiv“ gerade eine Petition zu dieser Thematik am Laufen hat. Nachdem ich die Erstunterzeichner gesehen habe, u.a. Silvia Matthies, Regina Breul, Peter Wodarg, alle seit Jahren erklärte Gegner der Transplantationsmedizin, war es klar, dass es sich nicht um eine Initiative pro Organspende handelt. Eine nähere Beschäftigung damit, habe ich mir erspart. (Während der Veranstaltung wurde aber Werbung für diese Petition gemacht.)

Zugegeben mit etwas mulmigem Gefühl ging ich zu dem Vortrag. Außer Dr. Thomas Breidenbach, geschäftsführender Arzt der DSO in München, verstärkt durch die Koordinatorin Dr. Nicola Kampe habe ich keine mir bekannten Gesichter gesehen.

Durch die Veranstaltung führte übrigens souverän die renommierte BR-Journalistin Claudia Gürkov.

Zuerst ging Josef Briegel auf die Entstehung des Hirntodbegriffs und die Wertung als sicheres Todeszeichen ein. Die Gegner des Hirntodkonzeptes behaupten ja immer, dass der Hirntod nur wegen der Transplantationsmedizin „erfunden“ wurde. Das stimmt sicher nicht: In den Fünfzigerjahren wurden effektive Reanimationen bei Herzstillstand durch die Entwicklung der modernen Intensivtherapie mit maschineller Beatmung erstmals möglich. Negativer Nebeneffekt war allerdings, dass immer mehr Patienten zwar wiederbelebt werden konnten, aber zum Teil sehr schwere Hirnschäden davontrugen die nicht reversibel waren. Diese Patienten lagen dann auf den Intensivstationen und man wartete bis es zum Herz-Kreislaufstillstand kam, um die Maschinen abstellen zu können. Um aber Intensivplätze für Patienten zu sichern, die gute Chancen hatten, auch wieder ins Leben zurückzukommen, wurde der Hirntod, d.h. die irreversible Schädigung des gesamten Hirns als sicheres Todeszeichen bewertet. Somit konnte nach der sicheren Diagnostik des Hirntods die sinnlose maschinelle Beatmung eingestellt werden. Mit der Transplantationsmedizin hatte dies primär also nichts zu tun. Prof. Briegel erklärte dann noch ausführlich die Hirntoddiagnostik anhand des Protokolls der Bundesärztekammer. Zwei Ärzte, meist sind es Intensivmediziner bzw. Neurologen, die mit den Transplantationen nichts zu tun haben, müssen unabhängig zum gleichen Ergebnis kommen. Die Untersuchungen werden auch nach 12 Stunden wiederholt. Erst dann wird ggfls. der Hirntod festgestellt und es könnte unter bestimmten Voraussetzungen zu einer Organspende kommen. Josef Briegel hat sehr ruhig und sachlich referiert und kam mit seinem zurückhaltenden Auftreten gut bei der Zuhörerschaft an.

Nun bekam Dott. Bavastro das Wort und der zeigte gleich auf der ersten Folie, was Hirntote noch alles können. Von Kinder austragen (z.B. Erlanger Baby) bis hin zur Erektion bei einem hirntoten Mann sei vieles möglich. Beispielsweise bewegen sich Hirntote noch, erleiden Schmerzen bei der Organentnahme und müssten entsprechend narkotisiert werden, so Paolo Bavastro. Hier widersprach Prof. Briegel, der seit über 30 Jahren Anästhesist ist und erklärte, dass ein hirntoter Mensch, bei der Operation keine Analgesie brauche, da er nicht mehr in der Lage sei, Schmerzen zu empfinden. Als Bavastro dann auch noch die neueste Stellungnahme zum Hirntod des Deutschen Ethikrates falsch interpretierte, hielt es Thomas Breidenbach von der DSO nicht mehr auf seinem Stuhl. Es kam zu einem Diskurs zwischen Bavastro und Breidenbach, der vom Publikum vermutlich eher als Expertenstreit betrachtet wurde. Es ging z.B. um ein sogen. „white paper“ der amerikanischen Ethikkommission. Hier ist man als Zuhörer aufgeschmissen, da man es nicht vorliegen hat. Breidenbach hatte mit seinen Gegenargumenten sicher recht, die Einwände wurden aber bei dem anthroposophisch orientierten Publikum schon beinahe als Majestätsbeleidigung an Bavastro gewertet.

Bei der anschließenden Diskussion mit den Zuhörern konnte man anhand der Fragen und der oft langen Statements klar erkennen, dass die Skeptiker bzw. Gegner dieser Medizinrichtung weit überwogen. In meinem Redebeitrag verwies ich auf den eigentlichen Skandal, dass es nämlich zu wenig Organspender gibt und Deutschland hier bald das Schlusslicht in Europa sein wird. Außerdem erinnerte ich an das Schicksal der schwerkranken Patienten, die auf der Warteliste versterben. Im Gegensatz zu einigen Redebeiträgen, die sich sehr kritisch zur Organspende äußerten und tosenden Applaus mit Bravorufen bekamen, rührte sich bei mir keine Hand.

Frau Gürkov erteilte mir das Schlusswort und ich fragte die Anwesenden, wie sie sich selber verhalten würden, wenn sie so schwer erkrankten, dass sie nur mit einem gespendeten Organ überleben könnten? Wenn sie ein Organ nehmen würden, dann hätten sie meines Erachtens auch die ethische Verpflichtung Organe nach dem Tod zu spenden. Paolo Bavastro schüttelte hier energisch den Kopf und bekam Applaus dafür.

Ehrlich gesagt, war diese Veranstaltung für mich eine Enttäuschung. Wie häufig bei solchen Diskussionen geht das Auditorium größtenteils davon aus, dass der verstorbene Spender bei einer Organspende noch lebt. Da kann man eigentlich sagen, was man will, für sachliche Argumente ist niemand zugänglich, Mitleid bzw. Mitgefühl hat man ausschließlich für die vermeintlich bei lebendigem Leib ausgeschlachteten bedauernswerten Kreaturen. Die schwer Kranken, denen mit einer etablierten medizinischen Therapie -also der Transplantation- geholfen werden könnte, sind außen vor, um es noch drastischer zu formulieren: gehen den meisten am Arsch vorbei! Von einem kleinen positiven Ereignis möchte ich aber noch berichten. Ich hatte mich während der Diskussion geoutet, dass ich seit über 30 Jahren mit einer transplantierten Niere überlebe. Meine Sitznachbarin, eine ältere Dame, fragte mich wie es mir gehe und wünschte mir alles Gute. Sie habe schon seit über 20 Jahren einen Organspenderausweis und freue sich, dass sie einen Organempfänger sehe, dem es offensichtlich gut gehe. Immerhin ein kleiner Lichtblick bei diesem frustrierenden Abend.

Karl Votz-Siegemund

Dr. Angelika Eder von der DSO referiert über Voraussetzungen und Ablauf einer Organspende

Zu unserem Stammtisch am 19.04.2015 im Hotel zur Post in Pasing konnten wir als Referentin Frau Dr. Angelika Eder, die Oberkoordinatorin der DSO in München, gewinnen. Diesmal wurden unsere Mitglieder schriftlich zu dem Vortrag eingeladen. Wenn Frau Eder schon ihren Sonntag-Nachmittag für uns „opfert“, sollten wenigstens Zuhörer da sein. Nun die Überraschung: der Vortragssaal war bis zum letzten Platz gefüllt, so viele Mitglieder kommen sonst nur zur Weihnachtsfeier! Schon mal 1:0 für Angelika Eder.

011Die Referentin erklärte erstmal den Unterschied zwischen Lebendspende und postmortaler Spende. In erster Linie kommen für die Lebendspende die Nieren in Frage, aber auch Segmente der Leber bzw. ein Lungenflügel. Bei einer postmortalen Spende können grundsätzlich das Herz, die Leber, die Lunge, die Nieren, die Bauchspeicheldrüse und in seltenen Fällen auch der Dünndarm transplantiert werden.

Die Krankenhäuser sind lt. Transplantationsgesetz eigentlich verpflichtet, hirntote Patienten der DSO zu melden. Wenn sie es nicht machen, kommt es allerdings zu keinen Sanktionen.

010Das Gesetz schreibt zwei Voraussetzungen für eine Organspende vor: der diagnostizierte Hirntod sowie eine Einverständniserklärung (Organspendeausweis bzw. Einwilligung der Angehörigen). Das Hauptproblem der Organspende ist, zu akzeptieren, dass der Hirntod ein sicheres Todeszeichen ist. In den Medien kommt es immer wieder zu reißerischen Artikeln und Berichten, wo ein Sterbender bei lebendigem Leib durch die bösen Transplantationsmediziner ausgeschlachtet wurde.

Die Hirntoddiagnose wird nach einem vorgeschriebenen Protokoll der Bundesärztekammer gestellt. Dabei werden beispielsweise die Stammhirnreflexe getestet und ein EEG geschrieben. Diese Untersuchungen sind von zwei unterschiedlichen Ärzten durchzuführen (meist Intensivmediziner, Anästhesisten oder Neurologen) die mit der Transplantation von Organen nichts zu tun haben. Eine Wiederholung der Tests und Untersuchungen erfolgt dann nach etwa 12 Stunden.

005Nach Diagnosestellung gibt es zwei Möglichkeiten: entweder Abbruch der Beatmung und Ausstellung des Totenscheins oder falls der Organentnahme zugestimmt wurde, Weiterführung entsprechender kreislauferhaltender Maßnahmen. Falls der potentielle Spender an die DSO gemeldet wird und noch keine Einwilligung der Angehörigen vorliegt, werden die Koordinatoren der DSO zu dem schwierigen Gespräch mit den Angehörigen hinzugezogen. Man versucht nun, sehr behutsam den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu eruieren. Das Ziel ist eine stabile Entscheidung zu erreichen, mit der die Angehörigen auch leben können, so Angelika Eder. Es hat natürlich keinen Sinn, hier irgendeinen moralischen Druck o.ä. auszuüben.

Wenn die Zustimmung erfolgt ist, beginnt die eigentliche Arbeit der DSO-Koordinatoren, die den gesamten Ablauf der Spende logistisch betreuen. Zuerst wird der Verstorbene untersucht. Man versucht auch, an Informationen über einen evtl. Auslandsaufenthalt zu kommen. Hat er kürzlich einen Lebendimpfstoff (Gelbfieberimpfung) bekommen? Dann wäre er für eine Organspende nicht geeignet. Sind irgendwelche bösartigen Erkrankungen bekannt usw.? Selbstverständlich werden auch die Laborwerte ermittelt. Nach der Eignungsbeurteilung als Spender erfolgt die Weiterleitung der medizinischen Daten an die zentrale Vermittlungsstelle Eurotransplant . Eurotransplant ermittelt nun nach den Daten der Patienten, die auf der Warteliste stehen, die passenden Empfänger. Die Transplantationszentren werden informiert und die ausgewählten Empfänger einbestellt. Meist wissen die behandelten Ärzte z.B. in den Dialysezentren, ob der potentielle Empfänger derzeit transplantationsfähig ist.

004Die Explantation der Organe wird immer im Spenderkrankenhaus durch die angereisten Teams vorgenommen. Da man z.B. beim Herz nur eine Zeitspanne von drei bis vier Stunden von der Explantation bis zur Einpflanzung zur Verfügung hat, ist höchste Eile geboten. Bei den Nieren ist das Zeitfenster größer und im Extremfall kann sogar noch nach 40 Stunden transplantiert werden. Aber auch hier gilt: Je kürzer diese sogenannte kalte Ischämiezeit ist, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

Nach dem interessanten Vortrag von Angelika Eder nutzten die Zuhörer die Gelegenheit und stellten Fragen. Einige unserer Vereinsmitglieder kommen sehr gut mit der Dialysebehandlung zurecht und würden sich nicht transplantieren lassen. Frau Eder betonte auch, dass die Transplantation nicht für jeden Patienten die optimale Therapie sei. Dies müsse von Fall zu Fall entschieden werden. Grundsätzlich ist aber eine erfolgreiche Transplantation der Dialysebehandlung überlegen und bringt für den Patienten eine bessere Lebensqualität.

Zwischendurch fragte Frau Eder mal nach, ob wir sie schon verstehen würden, ansonsten könne sie auch hochdeutsch sprechen. Wir haben ihr charmantes bayrisch sehr gut verstanden und bedanken uns recht herzlich für Ihren Vortrag und ihr Engagement für die Organspende und die Transplantationsmedizin.

Großes Lob!

Karl Votz-Siegemund

Organspendezahlen auch 2014 gesunken

Nach den vorläufigen Zahlen der DSO ist der Negativtrend bei den Organspenden noch nicht gebrochen. 2014 wurden deutschlandweit 3169 Organe transplantiert, 2013 waren es noch 3248.

Wundern braucht man sich darüber nicht.

Die Negativschlagzeilen über Organspende und Transplantation reißen nicht ab. Kaum ist medial etwas Ruhe eingekehrt, berichteten kürzlich verschiedene Zeitungen über den Prozess gegen einen ehemaligen Oberarzt im Krankenhaus rechts der Isar. Er soll in den in den Jahren 2009 und 2010 Blutwerte von drei Patienten auf der Warteliste manipuliert und ihnen somit eine bessere Ausgangsposition für eine Lebertransplantation verschafft haben. Wenig hilfreich war sicher auch das Bekenntnis eines Auslandskorrespondenten, der sich vor etlichen Jahren eine Niere von einem Afrikaner gekauft hat und darüber ein Buch veröffentlichte.

Bundesweiter „Trendsetter“ im Verbreiten von Nachrichten, die der Transplantationsmedizin bzw. der Organspende schaden, ist sicher die Süddeutsche Zeitung mit ihren Redakteuren Christina Berndt und Werner Bartens. Irgendwie hat man das Gefühl, dass Christina Berndt nur darauf lauert, der Transplantationsmedizin eins „auszuwischen“. Ein Ziel dieser Redakteure ist erreicht: die Spenderzahlen gehen stetig zurück, die Patienten versterben auf den Wartelisten. Die Schicksale dieser bedauernswerten Menschen werden in keinem einzigen Artikel der SZ erwähnt. Transplantationsmedizin ist für die SZ wohl „Teufelswerk“! Um hier keinen falschen Zungenschlag hinein zu bekommen: Gesetzesverstöße müssen verfolgt und entsprechend geahndet werden, ohne wenn und aber.

Der eigentliche Skandal ist aber doch, dass es in Deutschland zu wenige Spender gibt. In Ländern, wo die Widerspruchslösung geltendes Recht ist, z.B. in Spanien oder Österreich, warten Organempfänger wesentlich kürzer auf das ersehnte Organ, als in diesem Land. Spanien ist in Europa führend mit 36 Spendern pro 1 Million Einwohner, in Österreich spenden 24 und in Deutschland ungefähr 12.

Politiker, Ethiker, Theologen usw. begründen diesen Zustand immer mit dem gleichen Argument: bei uns ist die Widerspruchslösung nicht durchsetzbar! Warum eigentlich nicht? Ein Grund ist, dass mit diesem Thema keine Wahlen zu gewinnen sind. Die hier Beteiligten: Kranke, Angehörige, Freunde usw. stellen einfach ein zu geringes Stimmenpotential dar. Sehr wohl könnte man unter Umständen aber eine Wahl verlieren. Man stelle sich vor, es wird bei einem Hirntodprotokoll eine Kleinigkeit vergessen zu notieren, wie es schon passiert ist. Sofort „stürzt“ sich Frau Berndt von der SZ auf diesen Umstand und schreibt einen Artikel mit dem Tenor, der Hirntod wird meist nicht korrekt diagnostiziert, die Organspender leben bei der Spende noch. Wenn sich jetzt ein Politiker von der Partei X oder Y vorher für die Widerspruchslösung und pro Organspende stark gemacht hätte, käme er nun in Teufels Küche und wäre evtl. seinen Wahlkreis los. Somit lehnt sich hier keiner groß aus dem Fenster.

Gibt es überhaupt noch einen Lichtblick für die Transplantationsmedizin und die Organspende?

Der Autor dieses Artikels sieht nicht den berühmten Silberstreif am Horizont, sondern ist pessimistisch eingestellt. Woher sollen denn Änderungen kommen? Die Politik interessiert sich nicht dafür, die unmittelbar Beteiligten, auch wenn sie in Selbsthilfegruppen o.ä. organisiert sind, haben so gut wie keinen Einfluss. Die DSO versucht mit der Implementierung von Transplantationsbeauftragten in den Kliniken die Lage zu verbessern. Bisher aber auch nur mit mäßigem Erfolg.

Am 17.04.2015 ist eine Podiumsdiskussion in München mit dem Thema „Wann ist der Mensch tot?“

-Die Debatte um Hirntod und Organspende-

Mit Dott. Paolo Bavastro, der die These vertritt, dass der Hirntod nicht der Tod des Menschen ist und die Organspender sozusagen lebendig „ausgeschlachtet“ werden. Erfahrungsgemäß können solche Transplantationsgegner das Publikum relativ leicht auf ihre Seite ziehen. Berichte vom Leid und der Verzweiflung von Betroffenen, die auf der Warteliste für Organe stehen, und deren Angehörigen werden bei solchen Veranstaltungen ignoriert.

Wie heißt es in Bertholt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“: Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Karl Votz-Siegemund

Frohe Weihnachten 2014

Unseren Mitgliedern und Besuchern der Homepage wünschen wir eine besinnliche Adventszeit, frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr 2014.

Bilder von der Weihnachtsfeier unserer Selbsthilfegruppe: